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Spült die gute Nati-Leistung Schweizer Spieler in die NHL?

Spült die gute Nati-Leistung Schweizer Spieler in die NHL?
Die Euphorie ist noch immer spürbar. Schulterklopfen hier, Superlative dort, Bestnoten für nicht wenige Spieler. Die Leistungen unserer Nationalmannschaft werden vielerorts sehr wohlwollend kommentiert. Dies weckt mitunter Erwartungshaltungen und Begehrlichkeiten. Wieso spielt Genoni nicht in der NHL? Kriegt Tanner Richard eine Offerte der Las Vegas Golden Knights? Wurden die Leistungen von Haas, Praplan und Herzog von den NHL-Teamverantwortlichen registriert? Mit solchen Fragen werde auch ich in diesen Tagen konfrontiert. 

Die Antworten sind wenig spektakulär. 

Alles ist möglich, das heisst ich antworte nur in Wahrscheinlichkeiten, ich kann nur wiedergeben, was ich als Mehrheitsmeinung aus Kreisen der NHL zu spüren glaube. Das heisst, ein einziger „Ausreisser“ von den 31 NHL-Franchises genügt bereits, um meine Einschätzung zu zerpflücken. Für unsere Schweizer Spieler hoffe ich, dass meine Wahrnehmung zerpflückt wird. Trotzdem… kehren wir auf den Boden der Realität zurück, zu meiner „Wahrheit“, denn nur die Wahrheit ist würdevoll. 

Spült die gute Nati-Leistung Schweizer Spieler in die NHL?

Genoni: Mehr Nice-To-Have als Must-Have

Nein, kein einziger Schweizer Spieler hat sich mit seinen Leistungen sehr klar und eindeutig für einen NHL-Einwegvertrag aufgedrängt. Kein Schweizer Spieler war über die gesamte WM hinweg ausgeglichen dominant genug, um das NHL-Checkbuch locker öffnen zu lassen. Genoni vielleicht noch am ehesten. Doch was spricht gegen ihn? Die meisten NHL-Teams sind in ihrer Goaliepipeline gut bestückt. Es gibt mittlerweile zu viele hoffnungsvolle Goalietalente, als dass man sich in der Schweiz eines 30-Jährigen Goalies bedienen muss, der zudem im NHL-Vergleich zu klein gewachsen und athletisch nicht besser als mittelmässig zu beurteilen ist. Hinzu kommt, dass aus Sicht der NHL-Verantwortlichen Genoni kaum einen Zweiwegvertrag akzeptieren würde. Ja, Genoni ist gut genug um in der NHL spielen zu können, aber es tut keinem NHL-Team weh wenn sie Genoni nicht haben. Einige gute Goalies in europäischen Ligen könnten in der NHL spielen, die Auswahl ist gross und wie gesagt, die eigene Goaliepipeline ist bei den meisten Teams gut gefüllt. Genoni ist ein so genanntes „nice to have asset“ aber kein „must have“.

Spült die gute Nati-Leistung Schweizer Spieler in die NHL?
Suter ist nahe dran

Ähnlich verhält es sich mit Spielern wie Haas, Praplan, Richard, Suter, Untersander, Diaz, Furrer und Hollenstein, um nur einige zu nennen. Alle Genannten haben gewisse Eigenschaften als Spieler die sie zur kontinuierlichen NHL-Beobachtung interessant machen. Sie wurden und werden beobachtet, WM hin oder her. Alle Genannten haben auch Aussenseiterchancen, irgendwann mal eine NHL-Offerte zu erhalten, das sind die guten Nachrichten. Persönlich beurteile ich Pius Suter als nahe an der NHL. Das einzige was ihm in seinem Instrumentenkoffer für die NHL noch fehlt ist verbessertes Skating. Vielleicht würden ihm zusätzliche Powerskatinglektionen mittelfristig helfen, dieses kleine Defizit in einen akzeptablen Grauzonenbereich zu verschieben; er hat noch Zeit dazu.

"Try-Out-Spieler" als Druckmittel

Die schlechten Nachrichten sind, dass es in jedem Jahr in jeder der europäischen Topligen viele Spieler gibt, die dem erwähnten Niveau ebenfalls entsprechen. Es gibt auch jedes Jahr ältere europäische Spieler die eine Art Try-Out-Verträge erhalten. Jüngste Beispiele sind die Tschechen Jerabek (Montreal) und Simek (San José). Aber auch dies darf man nicht überschätzen. Die meisten dieser „Try-Out-Spieler“ schreiben in der Folge keine grosse NHL-Geschichte, sie dienen den NHL-GMs vor allem auch als Waffe in Vertragsverhandlungen mit gierigen Agenten, die für mittelmässige NHL-Spieler überdurchschnittliche Saläre aushandeln wollen.

Spült die gute Nati-Leistung Schweizer Spieler in die NHL?
Wenn z.B. ein mittelmässiger NHL-Goalie 5 Mio. p.a. verlangt, ein vielversprechender junger Goalie in der Pipeline wartet und man sich als GM durch die 5 Mio.-Forderung nicht aus der Ruhe bringen lassen will: In einer solchen Konstellation wedelt dann ein GM gerne z.B. mit einer Genoni-Karte mit der Absicht, den 5 Mio.-Preis des Mittelklassegoalies auf 3 Mio. zu drücken und falls es nicht gelingt dann spielt er mitunter die Karte Genoni. Das ist nur ein Beispiel von Szenarien die sich in jedem Sommer in den NHL-Teppichetagen abspielen. Solche Konstellationen können dazu führen, dass auch Schweizer Spieler plötzlich mit einem NHL-Vertrag dastehen, der allerdings im Vergleich nicht hoch dotiert und auch nicht langfristig sein wird. 

Um etwas Pfeffer in diese Diskussion miteinzubringen:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schweizer Spieler aus dem Nati-Kreis in diesem Sommer eine NHL-Offerte erhält beurteile ich mit 50%, dass daraus tatsächlich ein NHL-Vertrag wird mit 33% - nicht alle Schweizer Spieler werden einen Zweiwegvertrag unterschreiben, vor allem nicht wenn sie in der Schweizer Liga bereits zu den Grossverdienern gehören. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer unserer aktuellen Nati-Helden in der nächsten Saison in der NHL eine wichtige Rolle spielt beurteile ich mit maximal 5%. 

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Wundertüte Las Vegas Golden Knights

Bei all dieser aus meiner Sicht berechtigten Skepsis gibt es eine Unbekannte in diesem Spekulationswald und das ist der Expansiondraft mit den Las Vegas Golden Knights. Dieses zusätzliche Team bietet zwei bis drei Dutzend neue, zusätzliche Arbeitsplätze und das erhöht auch die Chancen für Spieler, die bis jetzt als knapp nicht NHL-tauglich beurteilt wurden. Es ist aus heutiger Sicht schwierig abzuschätzen, was denn dies auch für unsere guten Schweizer Spieler letztlich bedeutet, es erhöht definitiv die Chancen für sie auf einen NHL-Vertrag, aber der entsprechende Effekt darf auch hier nicht überschätzt werden. Es ist kaum denkbar, dass ein Expansionteam eine Strategie fährt, 26-32-jährige Spieler an Bord holen zu wollen. Ich glaube eher, dass Las Vegas eine langfristige Strategie verfolgen wird, aber ich kann mich täuschen. Wir werden es bald wissen. Auch nach der WM und nach dem Stanley-Cup-Final ist für die Puck-Heads Hochspannung angesagt: Der Expansiondraft und kurz darauf der Entrydraft, aus Schweizer Sicht der „Hischier-Draft“, stehen auf dem Programm. 

Von Thomas Roost

Thomas Roost ist NHL-Scout, seit 1996 Alleinverantwortlicher für die Schweiz und Deutschland und zusammen mit dem europäischen Team verantwortlich für die gesamteuropäischen "Crisscross-Rankings".

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