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Die Ausgangslage vor dem Hischier-Draft

Die Ausgangslage vor dem Hischier-Draft
Nur noch wenige Stunden bis der NHL-Draft in Chicago über die Bühne geht. Auch kurz vor dem Draft ist es noch völlig offen, ob Nico Hischier oder Nolan Patrick als Nummer 1 gezogen werden.

Die Frage, ob Nico oder Nolan kann nicht beantwortet werden. Für die GMs ist es eine typische Situation, in der man in einer nicht entscheidungsreifen Situation entscheiden muss. Es gibt zu viele unbeantwortete Fragen, sich widersprechende Entscheidungsgrundlagen, aber dies gehört zur DNA des Scoutings. Diese Erkenntnis entlastet niemanden, die Hausaufgaben nicht zu machen, die GMs und ihr Staff sind und waren gefordert, jedes auch nur noch so kleine Mosaiksteinchen an Erkenntnis über die zur Verfügung stehenden Spieler zusammenzutragen. Dies haben alle Scoutingteams getan, müssen jetzt Entscheidungen treffen und hierfür die Verantwortung übernehmen. Am Ende des Tages müssen wir uns in Bescheidenheit üben: Gewissheit gibt es nicht. Wenn sie von jemandem hören oder lesen Nolan Patrick oder Nico Hischier sei die klare Nr. 1, dann glauben sie ihm nicht. Ja, ich weiss, es ist anstrengender, Zweifel aufrechtzuerhalten, als in Gewissheit zu verfallen, das kennen wir ja zur Genüge aus der Politik. Vor zwei Jahren wurde Connor McDavid gedraftet, ein Jahrzehntetalent, eine sehr klare Nummer 1 im Draft. In dieser Woche wurde er mit der Hart-Trophy zum besten Spieler der NHL ausgezeichnet und dies als 20-Jähriger, aber wenn jemand behauptet, er habe dies schon vor zwei bis drei Jahren gewusst, dann glaube ihm nicht. Beim Scouting spricht man nie von Gewissheiten, sondern „nur“ von Wahrscheinlichkeiten.

Trotzdem stellt sich heute, nur wenige Stunden vor dem Draft, die Frage ob Nico oder Nolan oder sogar ein Aussenseiter? Der NHL-Draft ist ein Riesenspektakel und für die frühen Draftpicks und die Familienangehörigen ein unvergessliches Erlebnis, eine unglaublich aufregende Zeit. In der Folge will ich aufzeigen, wie ich die Situation heute, nur wenige Stunden vor dem Draft einschätze:

Die Argumente für und gegen Nolan Patrick:

Für Nolan Patrick spricht, dass er bei den nordamerikanischen Scouting-Gurus bereits sehr viel länger im Rampenlicht stand, ihr Eindruck über Nolan Patrick ist somit gefestigter. Nolan Patrick ist ein smarter Powerforward, ein Rechtsausleger der auch mal ein Spiel mit physischer Überlegenheit dominieren kann. Patrick stammt zudem aus einer Hockeyfamilie und somit gibt es bei ihm kaum Unsicherheiten betreffend der Spitzensport-Mentalität. Die traditionellen nordamerikanischen Chefideologen, die Old School Hockey-Guys, tendieren ziemlich klar auf Nolan Patrick. Nur, ist Ideologie nicht Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens? Negativ wird seine Verletzungshistorie vermerkt, aber es gibt grosse Meinungsunterschiede, wie stark denn diese Historie Einfluss nehmen soll auf die Gesamtbewertung des Spielers. Ein kleines Fragezeichen bei Nolan Patrick gibt es auch im Bereich Skating. Nolan Patrick wird nie als Top- Schlittschuhläufer in die Hockeygeschichte eingehen werden. Es stellt sich lediglich die Frage, ob sein Skating gut genug ist für die NHL. Die meisten Beobachter bejahen diese Frage und gut genug ist gut genug.

Die Argumente für und gegen Nico Hischier:

Nico Hischer hat alle Anlagen, ein kompletter Zweiwegcenter auf allerhöchstem Niveau zu werden. Zuverlässig und stolz auch die Defensivpflichten nicht vernachlässigend, mit smarten Entscheidungen mit und ohne Puck. Er hat überdurchschnittlich gute Hände und spielt hochentwickelte Pässe, zudem sieht er Passlinien, die andere nicht sehen. Seine läuferischen Fähigkeiten sind ebenfalls überdurchschnittlich. Der moderne NHL-Spieler ist smart, schnell und hat gute Puck-Skills; all dies trifft auf Nico Hischier zu. Zu Nico’s Vita gehört, dass er die Entwicklung von Spielsituationen Sekundenbruchteile früher voraus denkt und spürt als andere. Das gibt ihm und seinen Mitspielern immer mal wieder zusätzliche Gestaltungsmarge beim Kreieren von Torchancen. Auch in den Interviews hat er überzeugt: Er hat sich mit seinem Persönlichkeitsprofil bei den NHL-Generälen in deren Herz gemeisselt. Negativ wird bei ihm vermerkt, dass man ihn in Nordamerika noch nicht so lange auf diesem Niveau spielen kennt und dass er im Vergleich zu Nolan Patrick weniger Muskelkraft und eine geringere „Flügelspannweite“ aufweist.

Die aktuelle Ausgangslage, weniger als 20 Stunden vor dem Draft:

In fast täglichen "Polls“ werden NHL-Draftentscheidungsträger und Scouts anonymisiert befragt und es gibt unterschiedliche Resultate, ja sogar ich wurde in dieser Woche zweimal für solche Umfragen angefragt. In einen "Poll“ schwingt Hischier klar obenaus, im anderen gibt es eine 9-5 Mehrheit für Nolan Patrick und eine dritte Umfrage ergibt einen Patt. Auch bei den zahlreichen "Mockdrafts“ gibt es kaum eine ernst zu nehmende Tendenz. Der langfristige Trend spricht für Nico, allerdings nur bis er die 50%-Hürde sehr knapp überschritten hat, seit diesem Zeitpunkt deutet das Pendel mal in die eine und mal in die andere Richtung. Heute, gemäss meiner persönlichen Wahrscheinlichkeitsberechnung, sehe ich bei Nico ein klein wenig mehr als 50% Chancen, dass er in wenigen Stunden als 1st-Overall- Pick aufgerufen werden wird. Nicht zu vergessen: Auch eine Überraschung ist nicht gänzlich auszuschliessen, dies würde dann bedeuten, dass weder Nolan Patrick noch Nico Hischier sondern ein Verteidiger als die Nr. 1 gedraftet wird.

Die Nr.1 „overall“ wäre für das Schweizer Eishockey ein nicht zu unterschätzender – wenn auch nur symbolischer - Meilenstein, der erste Schweizer First-Overall-NHL-Pick! Sportlich professionell gesehen ist die Nr.2 genau so viel Wert wie die Nr. 1, speziell in diesem Draft bei derart geteilten Meinungen. Aber das grosse „Rah-Rah- Rah“ gehört selbstverständlich der Nr. 1 und ein solches „Rah-Rah- Rah“ darf und sollte auch von der Eishockeyschweiz gebührend zelebriert werden; letztlich geht es auch darum, möglichst viele Jugendliche für unseren Sport, das Eishockey, zu begeistern und hierzu gehören durchaus auch Pathos, "Rah-Rah-Rah" und emotionale Bilder, bewegende Momente und Freudentränen. So oder so wird aber in wenigen Stunden Schweizer Eishockeygeschichte geschrieben.

 

von Thomas Roost

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

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