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Modernes Hockey ist Chaos-Hockey

Modernes Hockey ist Chaos-Hockey
Nicht zu selten wundere ich mich über Kommentare die bei erfolglosen Mannschaften Systemlosigkeit bemängeln. “Kein System ist zu erkennen, es scheint, dass alles dem Zufall überlassen wird” oder so ähnlich ist zu hören und zu lesen. Dies selbstverständlich mit der Unterstellung eines Mangels, eines Defizits im Spiel der Erfolglosen… und mit dem zweiten Unterton, dass der Coach für diesen Zustand verantwortlich sei.

Hmmm… ich persönlich hoffe immer, dass wenn ein Team in Scheibenbesitz ist, möglichst wenig System erkennen zu können denn wenn ich beim Gegner einen systematischen Spielaufbau, systematische Passkombinationen und Laufwege erkenne, dann ist das bereits mindestens die halbe Miete, um sich leicht auf den Gegner einstellen zu können. Was will ich damit sagen? Systemtreue wird vielerorts überbewertet. Damit will ich nicht sagen, dass im Spiel ohne Scheibe eine gewisse Ordnung auf dem Platz herrschen muss, diese Ordnung muss zum Ziel führen, dass unser Team immer mehr Spieler in Pucknähe hat als der Gegner und dies wird vor allem durch mehr Laufbereitschaft erreicht. D.h. auch im Spiel ohne Scheibe ist das gewählte System zwar nicht unbedeutend aber nicht prioritär. Die Lauffreudigkeit der Mannschaft und letztlich der einzelnen Spieler steht über allem.

Modernes Hockey ist Chaos-Hockey
Zurück zum Spiel mit der Scheibe. In der NHL sehe ich immer mehr Tore die durch unübersichtliche, überraschende, chaotische  Situationen zu Stande kommen und für diese Situationen sind sehr oft unerwartete Attacken von Offensivverteidigern verantwortlich. Die modernen Verteidiger haben ebenso gute Handskills wie Stürmer und sind ebenso beweglich und startschnell. Wenn plötzlich hinter dem gegnerischen Tor ein Verteidiger zum Forechecking auftaucht, dann herrscht beim Gegner vor allem Verwirrung. Erwartet wird, dass die Verteidiger hinten absichern und nicht die Speerspitze eim Forechecking bilden. Solche Situationen sehe ich aber mehr und mehr in der NHL. Das Ziel im gegnerischen Verteidigungsdrittel ist nacktes Chaos auszulösen, unerwartete Situationen zu kreieren mit verwirrenden Positionswechseln und viel kreativen Freiheiten für die Spieler der scheibenbesitzenden Mannschaft.

Wie reagieren die NHL-Franchises auf diesen Trend? Es werden vermehrt kreative, smarte, Offensivverteidiger mit weichen, schnellen Händen rekrutiert und dies auch wenn diese Verteidiger nur ca. “180cm” gross sind. Will Butcher, Samuel Girard, Victor Mete, Brandon Montour, Sami Vatanen, Erik Karlsson, Ryan Ellis, Tim Heed, Brad Hunt, sind konkrete und brandaktuelle Beispiele aus der Gegenwart. Mit demselben Profil warten in naher Zukunft Talente wie Cale Makar, Erik Brannström, Miro Heiskanen, Adam Boqvist, Quinn Hughes, Ryan Merkley, Ty Smith… alles entweder tatsächliche oder erwartete Erstrundenpicks im NHL-Draft. Die Offensivverteidiger mit hoch entwickelten Handskills, Speed und zusätzlich auch noch überdurchschnittlicher Körpergrösse, wie z.B. beim schwedischen Ausnahmetalent Rasums Dahlin zu finden, lasse ich bei dieser Betrachtung sogar aussen vor.

Modernes Hockey ist Chaos-Hockey
Leider fehlen bei dieser Aufstellung Schweizer Namen. Seit geraumer Zeit vermisse ich bei uns Talente mit dem Profil “Offensivverteidiger”. Wieso ist das so? Die Antwort kenne auch ich nicht, ich kann nur spekulieren: Zu oft sehe ich Spiele auf Juniorenstufe bei denen ich das Gefühl habe, dass die Verteidiger den Coachingauftrag haben, in erster Priorität die Scheibe gefahrlos und schnell aus der eigenen Verteidigungszone hinaus zu spedieren, Prozenthockey nennt man dies n der Fachsprache. Die Scheibe führen und damit kreative, mitunter riskante Kapriolen zu versuchen scheint verpönt zu sein; aber exakt dies würde zur Produktion von Offensivverteidigern beitragen. Ich plädiere auf Juniorenstufe für folgende Tendenz: “Iceing” ist für Verteidiger tabu; mit der Scheibe sollen sie meistens versuchen, etwas Konstruktives zu kreieren, auch wenn sie dafür den Preis von wiederholten Scheibenverlusten bezahlen. Resultathockey sollte auf Juniorenstufe verpönt sein. Auf Juniorenstufe sollte immer, in jedem Training, in jedem Spiel, in jedem Shift, die Entwicklung der Spieler im Vordergrund stehen und dies bedingt das Erlauben, ja sogar das Einfordern von kreativen aber mitunter riskanten Elementen. Nur durch das immer und immer wieder drillmässige Üben gelingt eines Tages die Scheibenkontrolle mit kleinen, feinen Körpertäuschungen fast wie im Schlaf. Dies führt dann oft zum entscheidenden Sekundenbruchteil gedanklicher Vorsprung, um eine Torchance kreieren zu können. Vergessen wir nicht: Speed ist das Zauberwort in der modernen NHL und Speed heisst nicht nur schnell skaten sondern auch schnell denken und handeln; mit klitzekleinen Körpertäuschungen und guten Handskills – und diese Elemente gehört zwingend zu den drillartig zu praktizierenden Skillsübungen – können wir wertvolle Zeit gewinnen und den Gegner für einen Wimpernschlag ins Leere laufen lassen.

Modernes Hockey ist Chaos-Hockey
Verschliessen wir die Augen nicht vor den Trends im internationalen Spitzenhockey, verschliessen wir uns nicht vor der grossen Nachfrage nach schnellen, beweglichen, talentierten, smarten, skilled Offensivverteidigern ansonsten wir nie davon sprechen sollten, zur Weltspitze aufschliessen zu wollen.

Modernes Hockey ist Chaos-Hockey
Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

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